Am Sonnabend, den 24. März zogen mehr als 600 Menschen mehrere Stunden durch den Leipziger Osten und demonstrierten gegen Nazis und rechte Alltagskultur. Der Demonstrationszug führte durch die Stadtteile Reudnitz-Thonberg und Volkmarsdorf. Die vom Ladenschlussbündnis Leipzig und Freund_innen angemeldete und organisierte Demonstration setzte damit ein lautstarkes und deutliches Zeichen gegen die jüngsten Auswüchse des organisierten Nazismus, des Rassismus und anderen Diskriminierungsformen in Leipzig und insbesondere im Leipziger Osten.

In vielen Redebeiträgen, Durchsagen und Sprechchören wurden die Probleme benannt und an die zahlreichen Anwohner_innen und Passant_innen weitergegeben. Einen ersten Zwischenstopp machte die Demonstration vor der Kreuzstraße 14, dem Sitz der Kling Group. Diese hatte vor einigen Monaten an organisierte Nazis eine Wohnung in der Langen Straße 15 vermietet. Die Nazis, welche den Freien Kräften Leipzig zugeordnet werden können, versuchten in der Langen Straße 15, nach dem sie aus der Odermannstraße 8 ausziehen mussten, eine neue Bleibe und Treffpunkt aufzubauen. Anwohner_innen und Antifaschist_innen machten die Kling Group früh auf dieses Problem aufmerksam. Diese reagierte jedoch nicht auf den Vorfall und zeigte sich somit als Teil des Problems. Vor dem Sitz der Kling Group wurden diese Umstände bekannt gemacht und die Kling Group erneut aufgefordert, in Zukunft keinen Wohnraum mehr an Nazis oder RassistInnen zu vermieten.

Der nächste Stopp führte auf den Täubchenweg. Bei Hausnummer 43b schallten bereits antifaschistische Sprechchöre durch die Straße, zahlreiche Anwohner_innen hatten sich versammelt. An besagter Hausnummer existiert das Geschäft „Fighting Catwalk“, in welchem von Inhaber Christian Pohle vor allem „Thor Steinar“ vertrieben wird. Pohle ist ebenso kein unbeschriebenes Blatt. Er kämpfte für die Fighting Fellas, eine damals rechtsoffene Freefightvereinigung, welche u.a. im Jahr 2009 am brutalen Übergriff auf die Fans und Spieler_innen des Roten Stern Leipzig beim Spiel gegen FSV Brandis 05 beteiligt waren. Pohle versucht sich nun als Unternehmer für den Vertrieb von „Thor Steinar“ und andere bei Nazis und RassistInnen beliebte Marken. Der Stopp vor dem „Fighting Catwalk“ hatte zwei Überraschungen. Zum einen war der Laden geschlossen. Das hatte vermutlich mit einem Besuch von Vermummten am Vortag im Geschäft zu tun. Zum anderen durfte das Ladenschlussbündnis verkünden, dass der Vermieter des Geschäfts inzwischen Christian Pohle vor dem Landgericht Leipzig verklagt hat. Grund hierfür ist wie so oft, die fehlende Kundgabe des Mieters zur Absicht des „Thor Steinar“ Verkaufs in den Räumlichkeiten des Vermieters. Wegen ähnlicher Sachlage wurden bereits mehrere „Thor Steinar“ Läden gerichtlich gekündigt, u.a. auch das „Tönsberg“ in Leipzig. Nachdem es einen kleinen Abschiedssong für das sicher bald für immer geschlossene „Fighting Catwalk“ gab, zogen die Demonstrant_innen weiter gen Breite Straße.

Vor dem Ladenprojekt Atari gab es allerdings einen ungewollten Zwischenstopp. In der obersten Etage grüßten zwei Personen mit bengalischen Feuern die Antifaschist_innen und hielten ein Transparent auf dem Fenster. Die bis dato unauffälligen Polizist_innen nahmen dies zum Anlass, um ins Gebäude zu gelangen. Dies wurde jedoch verhindert und nach einiger Zeit konnte die Demonstration weiterziehen. Von der Demonstration ging zu keiner Zeit eine Eskalation aus, jedoch einige der eingesetzten Beamt_innen zeigten sich besonders störungsfreudig. Unverständlich blieb auch, wieso bei einer friedlichen Demonstration, bei besten Sonnenschein zahlreiche Beamt_innen in voller Montur auftreten mussten. Sachsens Demokratie lässt hier grüßen.

Nächstes Ziel der Demonstration war die Wurzener Straße. Hier befinden sich mindestens zwei Kneipen, deren Kundschaft entweder der Nazi-Szene angehört oder sich durch ein dumpfes rechtes, rassistisches Gedankengut auszeichnet. Vor der „Frankenstube“ wurde an ein besonders gravierenden Vorfall am 27. Dezember 2011 erinnert. Mehrere Besucher der „Frankenstube“ lieferten sich eine Auseinandersetzung mit einer Gruppe so genannter Russlanddeutscher. Die deutschen Rassist_innen jagten dabei die andere Gruppe durch die Wurzener Straße und riefen rassistische Parolen. Eine weitere Kneipe in der Wurzener Straße, der „Käfer“ wurde ebenso auf der Demonstration thematisiert. Im „Käfer“ treffen sich nicht nur stadtbekannte Nazis und rassistisches Klientel, hier gingen auch die Mörder von Kamal K., einem deutsch-Iraker, der 2010 vor dem Hauptbahnhof Leipzig von den Leipziger Nazis Marcus E. und Daniel K. erstochen wurde, ein und aus. Schon früher schlugen Besucher des „Käfer“ auf Personen ein, welche sie dem linken Lager zurechneten. Diese Beispiele einer rassistischen Alltagskultur sind bisher nur wenigen bekannt, so dass die Demonstration hier zur Aufklärung beitragen konnte.

Die Demonstration setzte ihren Weg in Richtung Torgauer Platz und Eisenbahnstraße fort. An der Kreuzung Herrmann-Liebmann Straße/Eisenbahnstraße gab es einen Zwischenstopp. Zahlreiche Anwohner_innen und Geschäfteinhaber_innen gesellten sich hinzu und hörten die Redebeiträge. Besonders an diesem Ort wurde deutlich gemacht, dass der Kampf gegen Rassismus nicht alleine den Kampf gegen Nazis von NPD bis Freie Kräfte bedeuten kann, hierzu gehört auch die Bekämpfung und Thematisierung eines in Leipzig weit verbreiteten Alltagsrassismus, sowie einer rassistischen Asyl- und Ausländerpolitik, deren Betroffene vor allem Migrant_innen sind. Die Demonstrant_innen zeigten sich solidarisch mit allen Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind. Gerade die Gegend Eisenbahnstraße wird in der Leipziger Öffentlichkeit immer wieder einzig mit Kriminalität, Drogen und allgemeinen Problemen betrachtet, dass viele der hier lebenden Menschen vor allem Betroffene von Rassismus, Nazigewalt und Diskriminierung sind, findet hingegen weniger Beachtung. Unter breiter Zustimmung der Passant_innen zog der Demonstrationszug weiter und bewegte sich über die Herrmann-Liebmann-Straße in Richtung Reudnitz-Thonberg.

Zwischendurch gab es weitere Redebeiträge, die u.a. auf den internationalen Aktionstag gegen Kapitalismus am 31. März 2012 in Frankfurt/Main hinwiesen. Hierzu organisiert die Gruppe – the future is unwritten – zwei Busse. Karten hierfür können im el Libro in der Bornaischen Straße 3d erworben werden. Außerdem gab es eine Grußbotschaft des AKuBiz aus Pirna. Der Verein arbeitet nicht nur seit vielen Jahren gegen eine rechte Alltagskultur in der Sächsischen Schweiz, er ist auch Erstkläger gegen die Extremismusklausel, welche Vereine und politische Bildung an das Extremismusschema der konservativ-liberalen Regierung binden soll. Auf Grund eines besonders brutalen Überfalls von Nazis auf eine Gruppe Musiker_innen in Delitzsch vergangenes Wochenende, wurde weiterhin zur gemeinsamen Fahrt nach Delitzsch zu einer antifaschistischen Demonstration am Sonntag, den 25. März 2012 eingeladen. Treffpunkt hierfür ist 12:45 Uhr am Hauptbahnhof Leipzig.

Die Demonstration fand mit einem Straßenfest im Lene-Voigt-Park, welches zusammen mit dem StuRa der Universität Leipzig organisiert wurde, ihren Abschluss. Viele Menschen blieben und füllten den Lene-Voigt Park bis zum Abend. Mit einem vielfältigen Programm sollte auch hier das Anliegen der Demonstration fortgesetzt werden.

Die Sprecherin des Ladenschlussbündnis Leipzig, Stephanie Kesselbauer sagte abschließend zur Demonstration

„Im Osten nichts Neues. Gegen Nazis und rechte Alltagskultur“: „Es ist uns heute gelungen, viele Menschen für die Probleme im Leipziger Osten zu sensibilisieren. Unser Ziel war nicht nur die Schaffung eines antifaschistischen Gegengewichts zu den jüngsten Auswüchsen des Nazismus und Rassismus in dieser Gegend, sondern ebenso eine Solidarisierungsbotschaft mit den Menschen, die sich täglich der Diskriminierung und den herrschenden Zuständen stellen müssen. Wir hoffen künftig auf nachhaltige Vernetzung und mehr antifaschistisches Engagement im Leipziger Osten.“

Die Redebeiträge zur Demo werden in den nächsten Tagen hier veröffentlicht.

Presseartikel gibt es hier

Wir danken nochmals allen Teilnehmenden der Demo und des Straßenfestes!